Juli 2025 – Es grünt so grün? Mehr wildnis wagen

Womit kann man eigentlich die Menschen noch hinterm Ofen vorlocken? Die Schreckgespenste von abnehmender Artenvielfalt und Verlust unserer Lebensgrundlagen sind so richtig wie sie gleichzeitig nicht mehr zu interessieren scheinen. Sie erreichen viele Menschen nicht mehr emotional. Deshalb braucht es manchmal einfache Ankerpunkte – eine Feierabendtour mit dem Rad ist niederschwellig, kommunikativ und befriedigt die Neugierde, denn der Blick über den Gartenzaun un in die Gärten hinein ist jetzt ganz explizit erlaubt.

Rund 25 Interessierte folgten der Einladung des Ortsverbandes von Bündnis 90/Die Grünen in Lichtenau und informierten sich über Vorgärten, Gärten und auch das städtische Grün in Lichtenau. Die Veranstalter:innen waren vom großen Interesse überrascht, denn das Grüne Schreckgespenst hat es auf dem Land besonderes schwer. Doch irgendwie ist es ja offensichtlich: immer mehr Bäume, Sträucher und Pflanzungen leiden unter Hitze- und Trockentress, in den Gärten wie auch entlang der Straßen. Die Auswirkungen des Klimawandels mit Hitze, Trockenheit sowie Starkregen und Unwettern zeigen sich immer mehr. Bewährte Baumarten wie Kastanien werden den Veränderungen nicht standhalten. In den Gärten tun sich Rhododendron und Hortensie schwer. Auch das öffentliche Grün entlang der Straßen und auf Friedhöfen leidet. Weniger sichtbar ist die abnehmende Artenvielfalt. Kurz geschnittene Rasenflächen und steinerne Vorgärten bieten keinen Lebensraum für Bienen und Insekten. Dazu kommen die fehlenden Pflegekonzepte und die oft grassierende Ideenlosigkeit kleiner Orte.

In der Tour ging es darum, Ideen zu vermitteln und sich darüber auszutauschen, was jede und jeder selbst tun kann. Auch ein kleiner Vorgarten lässt sich artenreich und insektenfreundlich bepflanzen. Manche Stauden wie Zypressenwolfsmilch, Goldhaarastern, Brandkraut oder Frauenmantel kommen mit Hitze und Trockenheit besser klar. Die Blüten von Wildstauden wie wilder Möhre, Wiesensalbei, Labkraut und Natternkopf sind für viele Insekten überlebenswichtig. Der Blick hinter die Gartentüren zeigte, wie unterschiedlich die jeweiligen Besitzerinnen und Besitzer ihre Gärten angelegt haben. Wer hätte schon mitten in Lichtenau einen Waldgarten vermutet. Auch ein Klimawandelanpassungsbeet regte zum Nachdenken an. Auffällig in allen Gärten waren Wasserläufe, Teiche und kleine Wasserbecken, genauso wie alte Baumstämme, große Wurzeln und Holzstapel. Insekten sind auch darauf angewiesen.

Eine intensive Diskussion gab es über Wildstauden. In Lichtenau gibt es erste öffentliche Wildstaudenpflanzungen, denn die Peter Kirschenmann von der Gärtnerei Kirschenmann hat auf heimische Wildstauden umgestellt. Gewagt, mutig, richtig. Er erläuterte den Teilnehmenden kenntnis- und detailreich seine neuen Wildstaudenpflanzungen in der Landstraße und auf dem Friedhof in Scherzheim. Die Teilnehmenden waren sich einig: wir brauchen ein neues ästhetisches Empfinden, denn Wildstauden sehen anders aus und funktionieren anders als klassische Blumen- und Staudenbeete. Sie können aber eine Antwort auf die Herausforderungen des Klimawandels sein, besonders auch bei den öffentlichen Flächen. Hier lässt sich langfristig sogar Geld sparen, denn die Pflege ist einfacher und das Wässern entfällt.

Beim gemütlichen Abschluss mit Sekt, Saft und Wasser im Kräutergarten Scherzheim, der unbedingt einen besuch wert ist,  wurden dann Ideen geschmiedet. Es soll weitere Gartentouren geben und einig waren sich alle, dass der Kreisverkehr in Lichtenau dringend eine andere naturnahe, heimische Bepflanzung braucht.

Das Fazit für die poltisch motivierte Stadt- und Freiraumplanerin? So kann Politik vor Ort gehen – sachlich, mit Spaß und komunikativ.